Andacht zum Sonntag 07.06.2020

Gedanken am Sonntag nach Pfingsten, 7. Juni 2020


Jesus Christus sagt in Johannes 15,16: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“

Vor einer Woche an Pfingsten haben wir den Geburtstag der Kirche gefeiert. Pastor Ako Haarbeck, ehemals Nordhorn und Detmold (†2017) erzählt von einem schrecklichen Erlebnis:
„Es war die erste Jugend-Freizeit meiner Gemeinde nach dem 2. Weltkrieg. Über hundert Jugendliche waren nach Spiekeroog gefahren. Nach dem festlichen Abschiedsgottesdienst gingen wir noch einmal zum Schwimmen an den Strand. Als wir im Dunkel der Nacht im Meer schwammen, zog ein Sog uns hinaus ins offene Meer. Unsere Kräfte reichten nicht aus, um gegen die Strömung anzukommen. Wir trieben immer weiter weg vom Land. Manche schrien vor Angst. Es war kein Bademeister, keine Hilfe und keine Rettung da. Wir waren ganz auf uns angewiesen. Da haben wir die Kette der lebendigen Hände gebildet. Einer, unser Stärkster, stand am Ufer und streckte seine Hand aus, und der andere ergriff diese Hand und der nächste wieder, und so bildeten wir eine Kette der lebendigen Hände. Die Kette schwenkte ins wilde Meer hinaus, gehalten von dem, der am Ufer stand. Wenn man diese Kette erreicht hatte, konnte man sich an ihr wieder an Land ziehen. Wer Kräfte genug hatte, reihte sich mit ein. Die meisten von uns sind auf diese Weise gerettet worden. Vier nicht! Sie blieben im Meer. Ihre Namen weiß ich noch heute. Ich habe an diesem schlimmen Erlebnis verstehen gelernt, was „Kirche“ ist: Kirche ist für mich die Gemeinschaft derer, die einen festen Boden unter den Füßen haben, die niemanden verloren geben wollen und sich und anderen helfen — gegen den Tod. Darauf kommt es an in der Kirche Jesu Christi, dass wir einander die Hand reichen und zusammenhalten, um denen helfen zu können, die sonst vom Sog hinausgezogen werden. Vielen von uns ist damals das Badeunglück in Spiekeroog zum Gleichnis geworden. Wir begriffen: Ich brauche die anderen. Die anderen brauchen mich. Und Gott will uns alle brauchen als Gemeinschaft gegen den Tod.“

Natürlich weiß ich, dass viele Menschen die Kirche, auch unsere Kirche, ganz anders erfahren, als Pastor Haarbeck es schildert. Ich höre die unterschiedlichsten Stimmen. Viele ärgerliche Leute. Einige schimpfen. Manche treten aus. Manche sehen in der Kirche einen Interessenverband, der mit Funktionären und Steuern, mit viel Verwaltung und Bürokratie, der hauptsächlich an seiner Selbsterhaltung interessiert ist. Andere halten die Kirche für einen religiösen Traditionsverein, ein bisschen rückständig, aber: „Religion muss ja sein.“ Andere finden, Kirche ist so etwas wie ein „Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Defizite“. Wieder andere verwechseln die Kirche mit einer „Moraltante“ und denken: „Ganz ohne Moral geht es nun mal nicht“. Manche sehen in der Kirche so eine Art politischen Amateurclub, ohne eigentliche Kompetenz, aber mit umso festerer Gesinnung. Wieder andere schätzen die Kirche als ein öffentliches Gewissen oder als ein Forum, das unterschiedliche Menschen zusammenbringen kann.

Wie stehen wir zu unserer Kirche? Entweder wir reden von der Kirche, als ob wir nicht dazugehören, oder jede und jeder von uns redet als ein Glied der Kirche und sagt: „Meine Kirche“ und „Meine Gemeinde“. Ich mag es nicht, immerzu von der Kirche zu reden, als gehöre man nicht dazu. Kirche ist die Gemeinschaft derer, die getauft sind und an Jesus Christus glauben. Niemand kann ein Christ sein, ohne nicht auch ein Glied der Gemeinde Christi zu sein. Kein Mensch kommt zu Jesus Christus, ohne nicht mit anderen Menschen verbunden zu werden. Wer nur mit sich beschäftigt ist, ist weit weg von Gott, der Menschen in Gemeinschaft verbinden will.

Ihr Hartmut Smoor, Pastor

Pastor Hartmut Smoor, Heuberge 22a, 49808 Lingen (Ems); Harmut.Smoor@reformiert.de

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