Andacht von Pastor Hartmut Smoor

Ganz bei Trost – Andacht zur Frage 1 des Heidelberger Katechismus

 

I
einzig meint wahr

Oft habe ich die erste Frage des Heidelbergers gesprochen: „Was ist Dein einziger Trost?“ An vielen offenen Grabstellen und in ungezählten Gottesdiensten. Manchmal sprachen sie im Konfirmandenunterricht vom „einzigsten“ Trost. Mein Opa sagte „einiger“ Trost. Ich ahne, dass seine Generation wusste: Die Frage nach dem „einzigen Trost“ geht aufs Ganze. Der alte Text ist kein kleiner Klecks aus der Trost-Salbe, die verspricht, seelische Schmerzen zu lindern.

Ich habe heute Nacht schon wieder von der Lastwagen-Kolonne geträumt, die heimlich, im Nebel der Nacht, Särge abtransportiert.
Ja, ich brauche Trost. Ja, ich suche Trost. Aber er muss tragen. Mich. Meine Sorgen. Meinen Kleinglauben. Jetzt. Im Leben und im Sterben. Ich suche eine Kraft, die in Katastrophen standhält. Die meine Seele ausrüstet gegen den fiesen, unsichtbaren, geruchlosen, mikro-kleinen Fiesling namens „Corona“.

Wenn es einen einigen Trost gibt, dann darf er das Elend weder klein noch schön färben. Ich bekomme zurzeit Sodbrennen, wenn ich billige Vertröstungen höre. Ich brauche keinen Trostpreis und kein Trostpflaster. Ich will keine Sprüche hören, die mir doch nur zeigen, wie wenig wir gegen die Krise tun können: „Es ist in Wirklichkeit alles nur halb so schlimm.“ „Wird schon werden.“ „Wartet ab. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“ Eiapopeia! Bitte nicht so. Das ist für mich, als wenn meine verstorbene Mutter mir noch immer mit ihrer Wunderpuste meine Schmerzen wegpusten wollte. Das war einmal. Das war schön. Das geht aber nicht mehr. Leider.

II
trösten heißt: aufatmen, zum Leben helfen, Hilfe rufen, bewegen

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, sagt Gott durch seinen Propheten (Jesaja 66,13). Trost ist Gottes Muttermilch. Sie nährt, schenkt Geborgenheit, hilft zum Leben, macht „groß und stark“.

Das hebräische Wort für „trösten“ – nicham – bedeutet: „aufatmen lassen“. Stimmt: Wenn ich Trost erlebe, dann weitet sich meine ängstlich zusammengezogene Brust. Dann fließt wieder was. Dann laufen mir Tränen über Gesicht und ich muss mir die Nase schnäuzen. Dann bricht ein Stoßseufzer aus meiner Brust.

Das griechische Wort für „trösten“ – parakalein – heißt: „herbeirufen“.
„Hilfe herbeirufen“ ist der Anfang für den einen Trost, der hilft. In echt. Also rufe ich. Nach Trost. Still. Lautlos. Aber heftig.

Und was ist nun mein einziger Trost im Leben und im Sterben?

III
der Kern: Ein Besitzverhältnis – eine Befreiung

Die Antwort des Heidelbergers auf seine erste Frage nach dem einzigen Trost, sie ist lang.
Worum es geht, ist aber kurz:
„Dein einziger Trost ist: Du gehörst nicht Dir, sondern Jesus Christus.“

Das muss ich erst kapieren. Was mich tröstet, sind nicht Worte oder Taten. Was mich hält, wenn alles bricht, wenn die Wände auf mich zu rücken, ist eine Beziehung. Genau genommen: Ein Besitzverhältnis.

Das ist erstaunlich. Das befremdet mich. Das mag ich auf den ersten Blick nicht so gerne. Das ist auch auf den zweiten Blick nicht unbedingt tröstlich. Ich gehöre nicht mir? Ich gehöre Jesus Christus? Wo bleibt da meine Freiheit?

Darüber muss ich nachdenken. Immer wieder. Das muss ich nachfühlen.
Und ehrlich: Beim Bedenken steigt in mir Ruhe auf. Ich stehe fester. Sehe klarer.
Niemand hat das Sagen über mich. Fast niemand. Es gibt nur eine Ausnahme: Gott sei Dank ist das Jesus, Gottes Sohn, mein Freund und Bruder.

Ich bin vergeben. Ich gehöre Jesus. Das wird lebendig, wenn ich sage, wem ich ausnahmslos nicht gehöre: Ich gehöre keinem Menschen. Ich gehöre nicht meinen Erwartungen an mich. Ich gehöre keiner Angst. Ich gehöre keiner Krankheit. Keinem Virus.
Ich gehöre nicht dem Tod. Er hat nicht die letzte Macht über mich.
Ich gehöre Christus. Nichts und Niemandem sonst.

Das tröstet mich. Wirklich.
Ja, das ist mein einziger, einiger Trost.
Ja, das schenkt mir Gelassenheit.
Ja, das gibt mir Ruhe in aller Unsicherheit.
Ja, das hält mich. Fest. Am Rande des Abgrundes.

Gott sei Dank.
Amen.

 

Pastor Hartmut Smoor; Hartmut.Smoor@reformiert.de; Saarstr. 6, 26789 Leer

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